Die „Baby S-Klasse“: Warum der W205 als der letzte „echte“ Mercedes der Mittelklasse gilt

Stuttgart/Bremen – Als Mercedes 2014 den W205 vorstellte, rieben sich viele die Augen. Wo der Vorgänger (W204) noch kantig und betont sachlich auftrat, rollte der Neue wie eine geschrumpfte S-Klasse in den Showroom. Edle Hölzer, fließende Formen und erstmals optional eine Luftfederung in der Mittelklasse. Heute, nachdem er 2021 vom Nachfolger (W206) abgelöst wurde, erlebt der W205 einen zweiten Frühling auf dem Gebrauchtwagenmarkt – nicht zuletzt, weil sein Nachfolger nur noch mit Vierzylindern vorfährt.

Das Design: Abschied vom Taxi-Charme

Der W205 war ein Paradigmenwechsel. Mercedes wollte weg vom biederen „Opa-Image“.

  • Exterieur: Die lange Motorhaube und das kurze Heck (bei der Limousine) gaben ihm Sportwagen-Proportionen.
  • Interieur: Hier geschah die Revolution. Statt tristem Plastik gab es eine breite Mittelkonsole, runde Lüftungsdüsen und (je nach Ausstattung) offenporiges Holz.
  • Kritikpunkt: Die Standard-Mittelkonsole in Klavierlack-Optik. Sie sieht im Prospekt gut aus, ist im Alltag aber extrem kratzempfindlich, staubt schnell ein und neigt bei Temperaturschwankungen zum Knarzen. Kenner suchen daher gezielt nach Modellen mit Holz-Esche-Ausstattung.

Die Technik: Luftfederung und MOPF

Technisch setzte der W205 Maßstäbe, die BMW 3er und Audi A4 damals unter Druck setzten.

  • Airmatic: Als erstes Auto in diesem Segment war der W205 mit einer Luftfederung lieferbar. Wer viel Autobahn fährt, schwebt damit fast wie in der Oberklasse. Ein teures Extra, das bei Defekten ins Geld geht, aber den Komfort massiv steigert.
  • Das Facelift (MOPF 2018): Ein entscheidendes Datum. Ab Mitte 2018 bekam der Wagen neue Leuchten, ein neues Lenkrad (mit Touch-Flächen) und vor allem ein digitales Cockpit (optional). Wichtig zu wissen: Der W205 bekam nie das volle MBUX-System mit Touchscreen wie die A-Klasse. Das System wird auch im Facelift noch primär über das Drehrad oder das neue Touchpad bedient, ist aber sehr ausgereift.

Die Motoren: Der Umbruch beim Diesel

Für Gebrauchtwagenkäufer ist der Blick unter die Haube essenziell, besonders beim Diesel.

  • Vor Facelift (bis 2018): Hier arbeitete im C 220 d oft noch der alte OM651 (2,1 Liter). Ein extrem robuster Motor („Taxi-Motor“), der aber rau und laut läuft.
  • Ab Facelift (ab 2018): Wechsel auf den OM654 (2,0 Liter). Dieser Motor ist ein Meisterwerk: leiser, sparsamer, sauberer und erfüllt strengere Abgasnormen. Er macht den W205 zum perfekten Langstreckengleiter.
  • Hybrid: Der C 300 de (Diesel-Hybrid) war ein Steuer-Liebling, ist aber wegen der kleinen Batterie-Reichweite und der Komplexität (zwei Antriebssysteme) als Gebrauchter mit hohen Laufleistungen mit Vorsicht zu genießen.

Der AMG C 63: Eine Legende stirbt aus

Der W205 hat sich seinen Platz in den Geschichtsbüchern gesichert, weil er der letzte C-Klasse AMG mit V8-Motor ist. Der 4,0-Liter-Biturbo blubbert, hämmert und schreit auf eine Weise, die dem Nachfolger (einem Vierzylinder-Hybrid) völlig fremd ist. Das macht gepflegte C 63 (S) Modelle der Baureihe W205 aktuell extrem wertstabil. Sie sind bereits jetzt moderne Klassiker („Future Classics“).

Fazit: Der Sweetspot der Mittelklasse

Der Mercedes W205 ist aktuell vielleicht der beste Gebrauchtwagen-Kauf für Menschen, die Premium-Feeling suchen, aber keine Neuwagenpreise zahlen wollen. Er wirkt im Innenraum wertiger als sein Nachfolger (der viel Hartplastik und nur noch Touchscreens hat) und bietet mit den Facelift-Dieseln extrem effiziente Antriebe. Wer einen sucht: T-Modell (S205), Facelift (ab 2018), C 220 d, keine Airmatic (um Wartungskosten zu sparen) und die matte Holzkonsole statt Klavierlack. Das ist der „Gold-Standard“.