VW
Wäre Zeitenwende für VW: Chinesische Modelle sollen in Europa gebaut und verkauft werden

VW prüft nach Informationen aus Unternehmenskreisen offenbar erstmals, in China entwickelte Modelle der Kernmarke VW nach Europa zu bringen.
Demnach soll der Konzern sowohl den Import als auch eine spätere Fertigung kompletter Fahrzeuge oder einzelner Komponenten in Europa untersuchen.
Dies wäre ein Paradigmenwechsel im Konzern, der aktuell täglich tiefer in die Krise rutscht.
VW plant, was vor wenigen Jahren noch undenkbar schien: Modelle aus China nicht nur in Europa zu verkaufen, sondern auch zu produzieren. Als möglicher Produktionsstandort wird unter anderem das Werk in Zwickau genannt. Welche Modelle tatsächlich infrage kommen und in welchen Stückzahlen sie produziert oder importiert werden könnten, ist nach Angaben von Insidern noch offen, wie das Handelsblatt schreibt. Demnach handelt es sich zunächst um eine ergebnisoffene Prüfung, die auch wieder eingestellt werden könnte.
Mit Gewaltmaßnahmen aus der Krise
Mit dem Vorhaben könnte Volkswagen mehrere Herausforderungen gleichzeitig angehen. Der Konzern könnte die Auslastung seiner europäischen Werke verbessern, von niedrigeren Entwicklungs- und Produktionskosten in China profitieren und gleichzeitig moderne Fahrzeugplattformen auch europäischen Kunden anbieten. China gilt inzwischen als wichtigster Innovationsmarkt der Automobilindustrie.
Als möglicher Kandidat gilt zunächst das gemeinsam mit SAIC entwickelte Range-Extender-SUV ID.Era 9X. Das Modell positioniert sich oberhalb des auslaufenden Touareg und wird in China zu Preisen ab umgerechnet rund 45.000 Euro angeboten. Ein vergleichbar ausgestatteter Touareg kostet in Europa derzeit deutlich mehr.
Nach Unternehmensangaben wird inzwischen jedoch ein anderes SUV als wahrscheinlicherer Kandidat gehandelt. Das Modell soll 2027 auf der neuen China-Plattform CSP erscheinen und eine ähnliche Größe wie der Touareg besitzen. Ein Export nach Europa wäre frühestens Ende 2027 denkbar. Als Vorteil gilt, dass Volkswagen bei diesem Fahrzeug die Technik vollständig selbst kontrollieren würde. Vor einem Marktstart müssten die Fahrzeuge allerdings an europäische Vorschriften angepasst werden. Das betrifft unter anderem Software, Fahrerassistenzsysteme, verwendete Materialien und regulatorische Anforderungen. Erstmals wird dabei auch geprüft, ob in China entwickelte Software für den europäischen Markt angepasst werden kann.
Schwere See für VW
Die Überlegungen fallen in eine Phase tiefgreifender Umstrukturierungen bei Volkswagen. Der Konzern kämpft mit sinkenden Margen, Überkapazitäten und einem verschärften Wettbewerb in China. Parallel arbeitet der Vorstand an einem umfassenden Sanierungsprogramm, das nach Medienberichten über die bereits beschlossenen Sparmaßnahmen hinausgehen soll. Demnach könnten langfristig bis zu 100.000 Stellen im Konzern wegfallen und auch deutsche Werke geschlossen werden.
Vorstandschef Oliver Blume steht unter erheblichem Druck, neue Wege zur Senkung der Kosten und zur besseren Auslastung der Werke zu finden. Am 9. Juli soll sich der Aufsichtsrat mit der künftigen Strategie befassen. Zusätzlich ist im Juli eine Analyse des aktuellen und zukünftigen China-Portfolios vorgesehen.
Offen ist zudem, welche Auswirkungen mögliche europäische Lokalisierungsvorgaben auf entsprechende Importpläne hätten. Die Europäische Union arbeitet derzeit an einem „Made in Europe“-Label, das den Anteil europäischer Wertschöpfung stärker in den Fokus rücken soll.
Für Volkswagen würde der Import vollständig in China entwickelter Fahrzeuge einen grundlegenden Strategiewechsel bedeuten. Jahrzehntelang folgte der Konzern dem Prinzip, Fahrzeuge in Deutschland zu entwickeln, in Europa zu produzieren und weltweit zu verkaufen. Inzwischen investiert Volkswagen jedoch massiv in seine Entwicklungszentren in China. Bis 2027 sollen dort rund 40 neue Modelle entstehen. Ein Großteil der Entwicklung erfolgt im Technologiezentrum VCTC im chinesischen Hefei, das nach Wolfsburg inzwischen der zweitgrößte Entwicklungsstandort des Konzerns ist.
Nach Unternehmensangaben entstehen Fahrzeuge dort deutlich schneller und kostengünstiger als in Europa. Niedrigere Lohn- und Energiekosten tragen dazu bei, dass Entwicklungs- und Produktionskosten erheblich geringer ausfallen. Selbst unter Berücksichtigung möglicher EU-Zusatzzölle könnten entsprechende Fahrzeuge wirtschaftlich interessant sein.
Der Volkswagen-Konzern produziert bereits heute mit dem Cupra Tavascan ein in China gebautes Elektroauto für den europäischen Markt. Das Modell basiert jedoch weitgehend auf europäischer Technik und erhielt eine Ausnahmeregelung bei den EU-Zusatzzöllen. Die nun diskutierten Fahrzeuge würden dagegen ursprünglich speziell für den chinesischen Markt entwickelt.
Innerhalb des Konzerns wird die mögliche Neuausrichtung offenbar kontrovers diskutiert. Während Arbeitnehmervertreter zusätzliche Geschäftsmöglichkeiten für deutsche Standorte grundsätzlich offen prüfen wollen, sofern bestehende Beschäftigungszusagen erhalten bleiben, gibt es auch im Vorstand unterschiedliche Einschätzungen. Finanzvorstand Arno Antlitz hatte zuletzt davor gewarnt, Fahrzeuge fremder Wettbewerber aus China mit dem Qualitätsimage der Marke Volkswagen zu verbinden. Gleichzeitig könnte eine stärkere Einbindung chinesischer Entwicklungszentren die Position von China-Chef Ralf Brandstätter innerhalb des Konzerns weiter stärken.
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