Ratgeber
Elektroautos bei Hitze: So reagiert der Akku auf extreme Sommertemperaturen

Die Sorge vor Reichweitenverlusten im Winter ist unter Fahrern von Elektroautos nach wie vor weit verbreitet. Doch was passiert eigentlich am anderen Ende der Temperaturskala, wenn das Thermometer im Hochsommer auf 40 Grad Celsius oder mehr klettert? Dr. Johannes Hattendorff, erfahrener Batteriespezialist beim renommierten Automobilzulieferer Webasto, gibt diesbezüglich eine klare Entwarnung und erklärt detailliert, worauf E-Auto-Fahrer bei starker Hitze im Alltag wirklich achten müssen.
Thermomanagement sorgt für kühle Köpfe im System
Wer bei brütenden 40 Grad auf der Autobahn in einem nicht enden wollenden Stau steht, muss sich definitiv keine Sorgen machen, dass die Batterieleistung plötzlich einbricht. Moderne Elektrofahrzeuge verfügen über ein technologisch hochentwickeltetes Thermomanagement für das Batteriesystem. Zahlreiche Sensoren erfassen kontinuierlich und präzise die Temperatur an verschiedenen Stellen des Akkus und halten diesen in einem absolut optimalen Bereich zwischen 15 und 35 Grad Celsius. Während im Winter Energie aufgewendet wird, um die Zellen aufzuwärmen, wird im Sommer entsprechend stark gekühlt. Diese aktive Kühlung kostet das System zwar etwas Energie, sie stellt aber zuverlässig sicher, dass die Batterie selbst bei extremen Außentemperaturen keinen dauerhaften Schaden nimmt und ihre volle Leistung behält. Zudem sorgt eine gute Kühlung dafür, dass die Akkuzellen deutlich langsamer altern. Wirklich kritisch für die Sicherheit der Batterie wird es laut dem Experten erst bei extremen Temperaturen von deutlich über 100 Grad Celsius.
Hohe Leistung bei leicht reduziertem Radius
Grundsätzlich hat Hitze auf die reinen Leistungswerte sogar einen positiven Effekt. Bei hohen Temperaturen sinkt der Innenwiderstand der Batterie spürbar, wodurch sie prinzipiell sehr leistungsfähig ist und Energie schnell abgeben kann. Allerdings benötigen die essenzielle Batteriekühlung und die intensive Klimatisierung des Innenraums zusätzlichen Strom. Das kann die maximale Reichweite des Elektroautos in der Praxis leicht reduzieren. Eine weitere Einschränkung kann beim Schnellladen an sogenannten High-Power-Chargern auftreten. Dies betrifft insbesondere ältere E-Auto-Generationen. Da sich Batterien beim Laden durch den hohen Stromfluss stark erhitzen, kann das Fahrzeug die Ladeleistung bei unzureichender Eigenkühlung automatisch drosseln, um eine gefährliche Überhitzung zu vermeiden. Bei modernen Elektrofahrzeugen der neuesten Generation stellt aber auch das Schnellladen bei hohen Außentemperaturen in der Regel kein nennenswertes Problem mehr dar, da die integrierten Kühlsysteme entsprechend großzügig dimensioniert sind.
Der Stromverbrauch der Klimaanlage im Stau
Eine sehr häufige Sorge von Umsteigern ist, dass die Klimaanlage im langen Sommerstau die Batterie komplett leersaugt und das Auto liegen bleibt. Umfangreiche Tests zeigen jedoch, dass eine moderne Klimaanlage bei 35 Grad Außentemperatur maximal bis zu 1,5 Kilowattstunden Strom pro Stunde benötigt, um den gesamten Innenraum auf angenehme 20 Grad zu kühlen. Zum direkten Vergleich: Ein durchschnittliches E-Auto verbraucht bei normaler Fahrt auf der Autobahn etwa 18 bis 20 Kilowattstunden auf 100 Kilometer. Wer also ganze vier Stunden im Stau steht und die Klimaanlage durchgehend auf Hochtouren laufen lässt, verliert lediglich Strom für rund 40 Kilometer Gesamtreichweite. Wer vorausschauend fährt und stets mit mindestens 15 bis 20 Prozent Restkapazität an die Ladesäule rollt, muss also auch bei brütender Hitze nicht auf die rettende und komfortable Abkühlung verzichten.
Praktische Tipps für noch mehr Sommer-Reichweite
Um das System bei extremen Temperaturen zu entlasten, gibt es einfache Tricks. Wer die Möglichkeit hat, sollte sein Elektrofahrzeug im Sommer nach Möglichkeit im Schatten oder in einer kühlen Garage parken. Das verhindert ein extremes Aufheizen des Innenraums und schont gleichzeitig den Akku. Zudem ist es überaus ratsam, das Fahrzeug noch an der heimischen Wallbox vorzuklimatisieren. So zieht die Klimaanlage den Strom für das erste, sehr energieintensive Herunterkühlen des Innenraums direkt aus dem heimischen Stromnetz und nicht aus der Fahrzeugbatterie. Wer dann noch darauf achtet, den Akku im Alltag nicht ständig auf 100 Prozent aufzuladen, sondern bei etwa 80 Prozent zu stoppen, tut der Zellchemie bei großer Hitze einen weiteren großen Gefallen und profitiert langfristig von einer gesunden Batterie.