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E-Auto richtig laden: Die 20 bis 80 Prozent Regel im Faktencheck

E-Auto beim Laden zu Hause
E-Auto beim Laden zu Hause; Bild: unsplash

Wer sich mit Elektroautos beschäftigt, begegnet früher oder später der sogenannten 20-bis-80-Prozent-Regel. Der Akku soll möglichst nicht unter 20 Prozent fallen und im Alltag auch nicht über 80 Prozent geladen werden. Doch muss man diese Grenzen wirklich so exakt einhalten? Und schadet es der Batterie, wenn das E-Auto regelmäßig auf 100 Prozent geladen wird? Die kurze Antwort lautet: Für viele Elektroautos ist ein mittlerer Ladezustand tatsächlich förderlich für die Lebensdauer der Batterie. Eine starre Regel für jedes Fahrzeug gibt es allerdings nicht. Entscheidend sind vielmehr die verwendete Zellchemie, die Ladestrategie der Hersteller und das individuelle Fahrprofil.

Warum sich Akkus bei mittleren Ladezuständen wohlfühlen

Lithium-Ionen-Batterien altern nicht nur durch das aktive Laden und Entladen während der Fahrt. Auch der Ladezustand selbst, der sogenannte State of Charge, beeinflusst die Degradation. Besonders hohe Ladezustände bedeuten eine starke chemische Belastung für die Zellen. Deshalb empfehlen viele Hersteller, ein Elektroauto im normalen Alltag nicht ständig komplett vollzuladen. BMW rät beispielsweise für den täglichen Betrieb zu einem Ladezustand zwischen 10 und 80 Prozent. Volkswagen empfiehlt bei seinen ID-Modellen mit klassischer NMC-Batterie ebenfalls, im Kurzstreckenbetrieb das Ladelimit auf 80 Prozent zu setzen. Das bedeutet jedoch nicht, dass der Akku sofort Schaden nimmt, sobald einmal 100 Prozent auf dem Display stehen. Ausschlaggebend ist, wie häufig und vor allem wie lange die Batterie in extrem hohen oder niedrigen Ladezuständen verweilt.

Ist das Laden auf 100 Prozent schädlich für den Akku

Ein Elektroauto gelegentlich auf 100 Prozent zu laden, stellt grundsätzlich kein Problem dar. Die volle Kapazität ist schließlich dafür da, genutzt zu werden. Wer eine längere Urlaubsfahrt plant und die maximale Reichweite benötigt, sollte den Akku vorab komplett füllen. Sinnvoll ist es jedoch, die Fahrt nach dem Vollladen möglichst zeitnah zu beginnen. Ungünstig für die Zellchemie ist es, das Fahrzeug regelmäßig auf 100 Prozent zu laden und es dann tagelang mit prall gefülltem Stromspeicher stehen zu lassen. Gerade im Sommer bei hohen Temperaturen forciert ein dauerhaft hoher Ladezustand die Alterung der Batterie. Im Pendleralltag reicht ein Ladeziel von 80 Prozent meist völlig aus. Moderne Elektroautos erlauben es, dieses Limit ganz bequem im Infotainmentsystem oder per Smartphone-App einzustellen.

Darf der Ladestand unter 20 Prozent fallen

Auch die oft zitierte Untergrenze von 20 Prozent ist keine harte technische Barriere. Wer auf der Langstrecke mit fünf oder zehn Prozent Restkapazität an der Ladesäule ankommt, zerstört damit nicht seinen Akku. Im Gegenteil: An der DC-Schnellladesäule ist ein niedriger Ladezustand sogar von großem Vorteil, da die Batterie dann die maximale Ladeleistung abrufen kann. Kritisch wird es erst, wenn man ein Auto mit nahezu leerem Akku über einen längeren Zeitraum abstellt. Ein Tiefenentladen sollte unbedingt vermieden werden. Der ADAC empfiehlt daher, den Akku nach Möglichkeit bei einem Ladestand zwischen zehn und 20 Prozent wieder aufzuladen, wenn das Auto danach länger parkt.

Unterschiedliche Regeln für NMC und LFP Akkus

Ein essenzieller Faktor für die richtige Ladestrategie ist die verbaute Zellchemie. Viele aktuelle E-Autos nutzen sogenannte NMC-Batterien, deren Kathoden Nickel, Mangan und Kobalt enthalten. Bei diesen Energiespeichern greift die Empfehlung, im Alltag die 80-Prozent-Grenze zu respektieren. Gänzlich anders verhält es sich bei Lithium-Eisenphosphat-Batterien, kurz LFP. Diese robuste Zellchemie reagiert weitaus unempfindlicher auf hohe Ladezustände und erfreut sich wachsender Beliebtheit. Hersteller wie Tesla, MG oder auch Volkswagen weisen bei Modellen mit LFP-Akku ausdrücklich darauf hin, dass diese regelmäßig bis 100 Prozent geladen werden sollen. Eine solche Vollladung ist bei LFP-Zellen sogar technisch notwendig, damit das Batteriemanagementsystem die Zellen balancieren und die Reichweitenanzeige exakt kalibrieren kann. Hier sticht die Bedienungsanleitung des Fahrzeugs jede pauschale Daumenregel.

Warum das Schnellladen meist bei 80 Prozent endet

Die magische 80 spielt beim Elektroauto noch aus einem weiteren, sehr praktischen Grund eine Hauptrolle. Beim DC-Schnellladen auf der Autobahn nimmt die Ladeleistung mit steigendem Füllstand drastisch ab. Ein fast leerer Akku saugt den Strom zunächst extrem schnell auf. Je voller die Zellen werden, desto stärker muss das System den Ladestrom drosseln, um Überhitzung zu vermeiden. Ab einem Ladezustand von etwa 80 Prozent bricht die Ladekurve bei den meisten Modellen massiv ein. Die restlichen 20 Prozent dauern oft unverhältnismäßig lange. Auf der Langstrecke ist es daher wesentlich zeiteffizienter, den Ladevorgang bei 80 Prozent zu beenden, weiterzufahren und später einen erneuten, kurzen Ladestopp einzulegen. Die 80-Prozent-Marke schont also nicht nur den NMC-Akku, sondern optimiert vor allem die Reisezeit.

Die richtige Akkupflege bei längeren Standzeiten

Wer sein Elektroauto, beispielsweise während eines längeren Urlaubs, mehrere Wochen nicht bewegt, sollte es weder mit vollem noch mit komplett leerem Akku abstellen. Für längere Standzeiten ist ein mittlerer Ladezustand das absolute Optimum. Automobilclubs raten dazu, das Fahrzeug mit einem Füllstand zwischen 30 und 70 Prozent zu parken. Da einige Hersteller hier fahrzeugspezifische Vorgaben machen oder sogar spezielle Standby-Modi im Menü anbieten, lohnt sich vor der Abreise ein kurzer Blick ins digitale Handbuch.

Viele kurze Ladevorgänge schaden nicht

Ein hartnäckiger Irrglaube stammt noch aus der Ära alter Handys und Laptops: Viele Menschen denken, eine Batterie müsse fast leer sein, bevor sie wieder ans Netz darf. Für moderne Lithium-Ionen-Akkus in E-Autos gilt das definitiv nicht. Häufiges, kurzes Zwischenladen ist für die Zellchemie völlig unbedenklich und oft sogar schonender als ein tiefer Ladezyklus von zehn auf 100 Prozent. Wer also nach Feierabend an der heimischen Wallbox routinemäßig von 55 auf 80 Prozent nachlädt, handelt vorbildlich. Einen Memory-Effekt gibt es bei heutigen Antriebsbatterien nicht mehr.

Fazit Die 80 Prozent Regel als sinnvoller Richtwert

Die 20-bis-80-Prozent-Regel ist definitiv kein reiner Mythos. Für einen Großteil der Elektroautos mit klassischen NMC-Zellen bietet sie eine hervorragende Orientierung, um den Akku im Alltag zu schonen und die Lebensdauer zu maximieren. Ein starres Gesetz ist sie jedoch nicht. Vor langen Fahrten darf bedenkenlos auf 100 Prozent geladen werden, und ein fast leerer Akku vor dem HPC-Lader ist für schnelle Ladezeiten absolut in Ordnung. Das Wichtigste ist, extreme Ladezustände nicht über Tage hinweg aufrechtzuerhalten. Durch den Siegeszug der LFP-Akkus, die regelmäßige Vollladungen verlangen, verliert die pauschale Regel ohnehin an universeller Gültigkeit. Am Ende gilt: Nicht tagelang leer herumstehen lassen, vor langen Fahrten vollladen und ansonsten das Ladelimit entspannt dem eigenen Alltag anpassen.


Themen des Beitrags:
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Über den Autor

Jessica Zimmermann

Jessica Zimmermann ist Chief Operating Officer und Autorin bei Sparneuwagen.de. Ihre Schwerpunkte sind Elektromobilität, neue Modelle und aktuelle Entwicklungen der Automobilbranche. Privat darf es beim Motorrad gerne nach Verbrenner klingen – im Alltag setzt sie dagegen voll auf Elektro.